|
Die Utopie eines zärtlichen Umgangs mit der Welt und den Menschen ist der jetzigen Realität diametral entgegengesetzt. Lärm läßt Stille nicht aufkommen, und Stille brauchen wir, wenn wir den leisen Stimmen in und um uns lauschen wollen. Hast läßt kein Verweilen zu, und so fehlt die Zeit, um etwas ruhig aufzunehmen oder weiterzugeben. Gier jeder Art verhindert, daß wir uns einander behutsam nähern und berühren. Eine Atmosphäre der Gewalt breitet sich mehr und mehr aus. Sie fördert die Sucht nach gröbster Triebbefriedigung. Mancher maßt sich an, alles dafür verfügbar machen zu können. Die Folgen sind ihm gleichgültig. Wer sich da heraushalten möchte, hat es schwer. Isoliert er sich, so ist es ihm nicht mehr möglich, seine Gedanken und Gefühle auszutauschen, und er läuft Gefahr, zu verkümmern. Gibt er auf und paßt sich der Masse an, wird er erst recht kontaktunfähig, weil er seine Identität nicht mehr spürt. Echte Kommunikation setzt ein Ich und ein Du voraus, den ganzen Menschen mit Körper, Geist und Seele oder, wie Renate Bertlmann es nennt, "das denkende Lieben, das liebende Denken".
Diese auf Nähe und Respekt beruhende Kommunikation braucht offene, aufeinander zutretende Menschen, denen jede Art von Gewalt fremd ist und Herrschergelüste abgehen. Jetzt aber sind Verletzte und Getötete an der Tagesordnung. Eine Gesellschaft, in der alle einander achten, ist Zukunftsvision, Utopie. Darauf hinzuarbeiten bedeutet kämpfen, mit Liebe kämpfen gegen das, was tötet. Der Tod kommt aber unausweichlich auf uns zu. Es gehört zur rätselhaften Antinomie unseres Daseins, daß es Menschen - wie etwa Ellas Canetti - gibt, die diesen aussichtslosen Kampf gegen den Tod auf sich nehmen. Für Canetti ist der Tod ein "Gegner, der uns ein ganzes Leben lang dazu auffordert, im Widerstand gegen ihn das Eigenste zu entwickeln". Das Sehnen nach etwas Dauerndem, dem der Tod nichts anhaben kann, nach unzerstörbaren Leben, ist tief in uns verankert Es gibt keinen Kult und keine Religion, die sich mit dem Tod als endgültigem Schluß des Daseins begnügten. Tod ist zwar immer Vollender des irdischen Lebens, aber zugleich auch Durchgangsstation zu einem andern, unbekannten Leben.
Dennoch macht der Tod Angst. Wir fürchten uns vor dem Ungewissen, obwohl für uns das einzig Gewisse unser Tod ist. Er nimmt uns die letzten Zweifel an unserer Existenz als einmaliges Wesen. Angesichts des sicheren Todes erhält die kurze Zeitspanne unseres Daseins ungeheures Gewicht, das zu ertragen uns nur die Liebe hilft. Sie befreit uns von Furcht, bringt uns einander nahe, hebt Trennendes auf und verbindet uns. Sie schafft zwar den Tod nicht aus der Welt, sie ermöglicht es uns aber, ihn zu akzepteren, indem sie aus bewußtem Sein heraus handeln und aus der Angst vor dem Tod als dem letzten, schmerzvollsten Ausgesetztsein kompromißlosen Mut wachsen läßt. Es ist der Todesmut einer Kassandra, die sich mit ihrer Wahrheit gegen alle falsche Hoffnung stellt, oder der Todesmut einer Antigone, die in ihrer Treue zu den Geboten der Götter dem Willen des Königs zum Trotz ihren Bruder bestattet. Es ist dieser grenzenlose Mut, den die Utopien der Liebe verlangen.
Die Arbeiten Renate Bertlmanns sind Schritte auf dem Weg dazu.Sie enthalten die Härte des Kampfs in läuternden Übungen. Sie zeigen die mit Innen- und Außenwelt verbundenen Paradoxe und Polaritäten. Sie weisen auf mystische Erfahrungen in den Bereichen von Liebe, Leben und Tod hin, wie sie Angelus Silesius in seinem "Cherubinischen Wandersmann" in knappsten Versen formuliert
"Der Mensch hat eher nicht vollkomm'ne Seligkeit,
bis daß die Einheit hat verschluckt die Anderheit".
"Der Tod, aus welchem nicht ein neues Leben blüht,
der ist's, den meine Seel' aus allen Toden fliehet".
AMO ERGO SUM. Das bedeutet nicht nur Selbstbehauptung und ein auf Kommunikation gerichtetes Seinsbewußtsein, es rechnet auch ab mit einer einzig auf Logik basierenden Philosophie, die nicht den ganzen, Körper, Seele und Geist umfassenden Menschen miteinbezieht, sondern einen Teil, den des Denkens, heraustrennt. Es ist ebenfalls Abrechnung mit einer Theologie, die Liebe auf Geist und Seele reduziert und mit moralischen Vorschriften vom Körper fernzuhalten sucht ("Wann werden uns die Theologen endlich etwas von Zärtlichkeit erzählen?"). Unhaltbar wird auch eine Psychologie, die Liebe auf Körperlich-Seelisches beschränkt und den Geist ausklammert. AMO ERGO SUM bedeutet Gleichwertigkeit von Körper, Seele und Geist in einer sich durchdringenden, unteilbaren Ganzheit, die nicht für sich allein bestehen mag, sonden als "Ich" im Zusammenwirken mit einem "Du" die Vereinigung sucht und darin ihr Höchstes findet.
Die "Utopie"-Objekte Renate Bertlmanns umfassen - einander ergänzend - die Komponenten, die unsere menschlichen Beziehungen neu gestalten können: Im Umfeld von Friedhof, Gräbern und Urnen machen wir uns mit dem Tod vertraut. In Läuterungsübungen nehmen wir Abschied von Sinnesgenuß und Begierden. ("Hinter jeder Sehnsucht steht der Tod und droht mit dem Knochenfinger Versagung", "Wunsch abnehmend".) Es sind dem Sterben ähnliche Vorgänge, die bewirken, daß die Angst vor dem Tod kleiner wird. In "Les Amants" sind wir Zeugen einer Art Totentanz. In der Meditationswand "Ich-Du" finden wir erfüllte Liebe, in den verschlossenen Briefumschlägen das Bewahren von Botschaften der Liebe, und in den Urnengrabbeigaben wird unser Ureigenstes vor Zerstörung gesichert. Die "Mutter-Urnenwand" zeigt, wie Zärtlichkeit den Tod übersteigt. Die rührenden Friedhofsfunde im "Haus der Erinnerungen" rufen in uns Gefühle der Geborgenheit wach.
Das Grabmal "Hier ruht meine Zärtlichkeit" läßt uns den Verlust von etwas sehr Wichtigem bedauern. Die geschundene "Schnuller-Heilige" mit ihren weichen "Fühlern" erweckt auf dem geschlossenen Flügelaltar unser Mitleid und unsere Bewunderung, wenn wir sie auf dem geöffneten Altarbild ungeschützt den Verletzungen ausgeliefert sehen. Sie wird so zum weiblichen Gegenstück des dornengekrönten, nägeldurchbohrten Christus.
Voller Willenskraft, mit Energie und distanzierender Ironie setzt sich Renate Bertlmann in ihren Objekten der Öffentlichkeit aus. Sie dringt - sofern wir uns nicht verschließen - über die Sinne bis ins Innerste vor und fordert uns heraus. Indem sie in den Fotozyklen ihr Gesicht verhüllt, wird sie in der Sprache ihrer Körpergebärden umso deutlicher vernommen. Wo sie verbirgt, sei es mit Tüchern, mit Latexhäuten, mit Urnen oder mit Briefumschlägen, zeigt sie uns damit etwas sehr Wesentliches, Kostbares, Zerbrechliches an. Das Verbergen wird zum Bergen, zum Schützen von Eigentlichstem, Eigenstem. Aus diesem Schutz wächst die Kraft, sich auszuliefern, alles loszulassen, den Tod zu akzeptieren und damit die Angst vor dem Sterben zu überwinden. "Die Selbstbehauptung des Wesens ist jedoch niemals ein Sichversteifen auf einen zufälligen Zustand, sondern das Sichaufgeben in die verborgene Ursprünglichkeit der Herkunft des eigenen Seins" (Martin Heidegger, "Der Ursprung des Kunstwerks").
An der Schwelle des Todes berühren sich die das Leben kennzeichnenden Gegensätze: Zärtlichkeit und Härte, Hingabe und Verweigerung, Verbergen und Enthüllen. In dieser Berührung werden die Gegensätze aufgehoben und etwas Anderes, Neues entsteht, ähnlich wie in der Liebe, wenn Ich und Du zu einer Einheit verschmelzen. Lieben, Leben und Sterben gehören untrennbar zusammen. Sie sind Voraussetzung unserer Existenz. Sie wandeln uns zu Wesen, die zu ihrem eigentlichen Sein gelangen und in ihren Ursprung zurückkehren können.
|
|