Renate Bertlmann

 

 

  Renate Bertlmann

  Ironie

In der Einleitung zur Trilogie AMO ERGO SUM deute ich an, daß es mir in der UTOPIE nicht um Zukunftsvisionen geht, sondern um einen Weg ins Ungewisse. Es geht also um die Kunst des Gehens, um einen Zustand der permanenten Bewegung, Veränderung und Verwandlung. Auf dieser Wanderschaft habe ich erfahren, daß es die verschiedensten Möglichkeiten gibt, sich den sogenannten "Reiseerlebnissen" zu stellen. Ich kann sie umarmen oder im Staub zertreten, kann sie schlucken, verdauen oder wieder ausspucken, kann mich von ihnen führen oder schleifen lassen. Da ich dazu neige, einen friedlichen Zustand des Gemütes als Stagnation, als Wachstumsstillstand zu verdächtigen, habe ich mir eine Art von Erlebnisbewältigung angewöhnt, die ich eine "ironische" nenne. Irgendwie habe ich wohl geahnt, daß die IRONIE – und nur sie – mich vor der Übereinstimmung meines Ichs mit der Welt bewahren würde: DISCORDO ERGO SUM!

Sobald also die "unteren, mittleren und oberen Welten" scheinbar an Stabilität gewinnen, lasse ich die IRONIE kompromißlos als Störfaktor in sie eindringen – sie beginnen sich zu verzerren, zu zerbröckeln und ihre in gefährliche Sicherheit wiegende Gültigkeit zu verlieren. Ein Kampf beginnt zu toben, die Flammen lodern – was bleibt mir anderes übrig, als mich in das rettende, kühlende Meer von IRONIE zu stürzen, mit der Hoffnung, wieder an den Strand einer neu gefundenen Identität gespült zu werden?!

Die Angst vor der drohenden Gefahr, meiner eigenen Wirklichkeit total verlustig zu werden, ließ mich aber erkennen, daß diesem durchgehend ironischen Verhalten gelegentlich Einhalt geboten werden mußte. Wenigstens einem Bereich des Lebens sollte man mit gebührender Würde und mit Ernst betrachten. Und was drängt sich da heftiger auf als die – LIEBE?!

Ich habe daher meinem Lebensplan und Arbeitskonzept den Titel AMO ERGO SUM gegeben und mir versprochen, die LIEBE, diesen heiligsten Bereich des Lebens, als kontra-ironisches Tabu zu behandeln. Doch wie sehr habe ich mich getäuscht, mich selbst verkannt, die LIEBE mißverstanden. Denn was ist die LIEBE anderes als ein steter Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung, ein Sichfinden und ein Sichverlieren, und ist nicht eigentlich dieses Pendeln zwischen Geburt und Tod Ausdruck der IRONIE? Einer IRONIE, die sich im Spannungsfeld dieser beiden Pole erschafft und vernichtet, indem sie Distanz schafft und vernichtet.

So wurde mir klar, daß gerade die LIEBE das ureigenste und dankbarste Übungsfeld der IRONIE ist, enthüllen sich durch sie doch am eindrucksvollsten die menschlichen Absurditäten und Widersprüchlichkeiten. Einmal baden wir in einem rosaroten Gefühlstümpel, dann wieder versinken wir in bodenloser Verzweiflung. Heute verstopfen wir uns die Poren mit Liebeskleister, morgen kratzen wir ihn wieder mühsam ab, weil wir zu ersticken drohen.

Und so passiert es, daß die LIEBE, die alles verschmelzende, unendlich beglückende LIEBE, mit einem Male zum Tummelplatz der Eitelkeiten, des Pathos, der Obszönitäten und grausamsten Verletzungen wird.

Wenn man lernt, sich bei all dem gelegentlich "zuzusehen", auf Distanz zu gehen, lernt man das Fürchten – und das Lachen! Die IRONIE wird so Vorbote von Umbruchszeiten, Autbruchszeiten, ja Rebellion – und kann zum Ritt auf des Messers Schneide werden. Ob wir leichtfüßig über die scharfe Klinge tänzeln oder von ihr entzweigeschnitten werden, hängt davon ab, wie mutig wir sind.

Und das ist das Ironische an der IRONIE: überall dort, wo ich Gefahren und schmerzlichen Erkenntnissen ausgesetzt bin, ist mir die Ironie Waffe und Schutz zugleich. Sie führt mich in die Verzweiflung – und führt mich wieder heraus – vorausgesetzt, ich kann mich ihrer bedienen.

Sich der IRONIE richtig zu bedienen ist allerdings keine leichte Sache, denn sie hat viele Gesichter, narrt den Narrenden, versteht und mißversteht, vemeint und entzweit. Ein ironisches Verhalten ist daher zutiefst subversiv, ist ein An-Spielen, Vor-Spielen, Unter-Spielen, Mit-Spielen, ist Angriff und Abwehr, eine Selbst-Behauptung – und eine Selbst-Enthauptung: meinen eigenen Kopf am eigenen Schopf vor mich hertragend, kann ich die Welt mit der nötigen Distanz und aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Die Blutspuren sind meine Wegweiser, und mit einem schmerzlich-wehmütigen Lächeln um die fahlen Lippen versichere ich mir, daß die IRONIE eben ein gefährliches Spiel mit Extremen ist – und ein dialektischer Akt, der Getrenntes letztendlich wieder miteinander verbindet.

 
 
 



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