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Wie wir wissen, sind der pornographische oder obszöne Witz und die Zote seit langer Zeit eine Domäne des Mannes. Man amüsiert sich über Männerwitze, aber der "Frauenwitz" hat noch kein gesellschaftliches Äquivalent erlangt und wird unter patriarchalen Lebensbedingungen nur eine subversive Außenseiterrolle erringen können. Denn wie Freud für unsere Kultur richtig erkannte, sind der immer tendenziöse, schmutzige, pornographische Witz und die Zote "ursprünglich an das Weib gerichtet". Der witzige Mann erscheint als der hauptsächliche Angreifer, während die Frau konservativer, hauptsächlich als Objekt dieses Angriffes erscheint. Sie ist Objekt, der Mann Subjekt einer sexuellen Entblößung und Aggression, die vor allem Lust bereitet. Die Lust, das Sexuelle entblößt zu sehen, ist für Freud das ursprüngliche Motiv des Witzes und der Zote. Sie stehen im Dienst der "Befriedigung eines Triebes (des lüsternen …)" gegen die "Verdrängungsarbeit der Kultur". Im Witz und in der Zote verschafft sich das Individuum ein Ventil gegen den kulturell herrschenden Lustverzicht und Leidensdruck. Im Gegensatz zu seiner allgemeinen Kulturtheorie der Sublimation bestimmt Freud (in seiner Schrift über den "Witz und seine Beziehung zum Unbewußten", 1905) Witz und Zote positiv als Mittel, die Verdrängung und Zensur des Sexuellen rückgängig zu machen und damit das Verlorene wiederzugewinnen.
Wer der Ausdrucksformen des Witzes und der Zote nicht mächtig ist oder sie verschmäht, ist auch in seiner Lust eingeschränkt. Dies betrifft die weiblichen Menschen unserer Kultur in einem ungleich höheren Ausmaß als die männlichen. Der kulturelle Verdrängungsprozeß gegenüber dem Sexuellen ist allerdings auf beide Geschlechter verteilt, aber wie das Defizit an Frauenwitzen oder vielmehr ihr gänzliches Fehlen zeigt, sind in erster Linie die Frauen die Träger und Opfer der allgemeinen Verdrängung.
Renate Bertlmann gehört zu jenen Künstlerinnen, die auf dem Hintergrund dieser Reflexion unsere besondere Aufmerksamkeit verdienen oder vielmehr provozieren. Ihre antipornographischen Objekte und Montagen regen zum Lachen an, zunächst weniger oder kaum die Männer, die hier ausnahmsweise einmal die Objekte der sexuellen Entblößung und Aggression geworden sind und bei dieser Gelegenheit lernen können, über ihren eigenen Schatten zu springen: ihr gekränktes Selbstgefühl zu verleugnen und sich vom ungewohnten "Frauenwitz" entwaffnen zu lassen.
Angesichts der vielen phallischen Karikaturen, der treffsicheren Satire auf den männlichen Narzißmus und seine Omnipotenzphantasien, fragt sich, ob Renate Bertlmann dem Witz und der Zote nicht ein neues Terrain erobert hat, das der Frau ermöglicht, die lustbetonte Aggression des Mannes ebenso lustvoll zu beantworten. Die Künstlerin geht hier mit gutem Beispiel voran in gänzlich respektlosen, die selbstbewußte virile Genitalität bloßstellenden Objekt- und Bildmontagen, denen man nichts mehr von der noch bei Freud diagnostizierten, für ihn kulturell durchaus wertvollen, sensiblen "Unfähigkeit des Weibes, das unverhüllte Sexuelle zu ertragen", anmerkt. Bertlmanns "Präservativwurfmesser", die zwei Penisschäften nachgebildete Steinschleuder, der mit ausgestopften Gummipräservativen bestückte Patronengürtel, die zum Votivbild erkorene "Reliquie des Heiligen Erectus" sind eine doppelte Kampfansage gegen die pornographische Gewalt des Mannes und sein Lustprivileg in der patriarchalen Gesellschaft.
Im allgemeinen gibt sich die Frau dem anzüglichen Männerwitz gegenüber völlig passiv, sprach- und ausdruckslos. Der weibliche Mensch reagiert gewöhnlich in der für ihn kulturell vorgesehenen Märtyrerhaltung des weiblichen Objekts, das indigniert oder peinlich berührt zur Seite blickt und sich vom Ort der obszönen Provokation zurückzieht. Gegen diesen Rückzug meldet Renate Bertlmann den Protest der feministischen Frauen an, aber sie tut als Künstlerin auch etwas dafür, daß dieser Protest nicht abstrakt, nicht im theoretischen und moralischen Argument stecken bleibt, sondern ebenso seine lustbetonten Ventile bekommt.
In den Karikaturen, welche die obligate Herrengesellschaft in ihren maßgeblichen Repräsentanten aufs Korn nimmt und den Manager, den Kleriker, das Militär, die grauen Eminenzen und religiösen Propheten ebenso wie die ganze heran gezüchtete Brut der Stammhalter auf einen gemeinsamen phallischen Nenner bringt, schwingen bei aller Anklage und Kritik auch pointierter Witz und Lust am Austeilen, ein gesunder Sadismus mit. Diese Zweigleisigkeit der Karikaturen macht sie überhaupt erst künstlerisch genießbar und von feministischer Rhetorik unterscheidbar. In dem Maße, wie sich die Karikatur bei Bertlmann auf ihr Objekt, den Mann und seine Sphäre konkret einläßt, wird die Angst davor geringer, wird ein Stück mehr an Verdrängung und Zensur weiblicher Lust rückgängig gemacht. Diese befreiende Wirkung ist das Entscheidende, nicht das Erlernen einer Aggression, die dem ubiquitären Männerwitz nachgebildet ist und mit gleicher obszöner Münze zurückzahlt, was den Frauen angetan wird.
Das neue Terrain, das Renate Bertlmann dem "Frauenwitz" in der geschlossenen Männergesellschaft erschlossen hat, geht keine Konkurrenz mit der rüden, gewaltförmigen, im Grunde humorlosen Pornographie ein. Dafür bürgt die poetische Verfremdung, mit der die Künstlerin die Artefakte und Relikte männlicher Lust, voran die zum imposanten, herrschaftlich dekorierten Folterinstrumentarium erweiterte Präservativsammlung, auseinander nimmt und neu zusammensetzt. Dieses Derangement hält kein Mann aus. Die Verdichtung von "Männerschwanz" und Schmetterling ("Diverse Farphalle Impudiche"), der zum Luftballon aufgeblasene oder auf der Wäscheleine trocknende "Männerschutz" ("Der Waschtag"), die zu bunten Kunstblumen aufgesteckten, ohnedies bizarren, als Händchen oder Hahnköpfchen stilisierten "Rauhpräservative" ("Fleurs du Mal") und nicht zuletzt der von allen Materialmontagen ausgehende Appell an die Berührungslust des Betrachters bringen das virile Machtstreben um sein falsches Ansehen. Diese vielseitigen Karikaturen biegen das selbstherrliche sexuelle Prestige des Mannes zu Metaphern seines Versagens um. Sie entwaffnen aber auch im Hinblick auf das gewöhnliche Ziel, das hinter der Strategie männlicher Annäherungsversuche, aufmunternder Zoten und Witze die Frau erwartet: der tiefernste, von Schweiß triefende Koitus.
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